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Die Wildtruthühner vom Kottenforst    


© P. Meyer 

(von Peter Meyer und Eckhard Möller)

Seltsame Wege sind in der Vergangenheit die Lei- denschaften der Jäger gegangen: Beute machen, die Trophäe – darauf kam es immer an. Wenn neben einheimischen Arten eindrucksvolle „Aus- länder“ dem Jagdbeute-Menü hinzugefügt werden konnte – warum nicht? Ebenso wie viele Adlige ihre Parks mit Baumarten ferner Erdteile bestückten, wurden auch jagdlich interessante Tierarten in unserer Landschaft angesiedelt und dauerhaft einzubürgern versucht. So geschehen zum Beispiel mit Schottischen Moorschneehühnern (Lagopus l. scotica): „Vor nunmehr fast 70 Jahren setzte mein verstorbener Onkel, Alexander Scheibler, im Revier Mützenich bei Monschau etwa 12 bis 15 Moorhüh- ner aus“, schrieb Nickel (1960). Auch in anderen Revieren der Region wurde das praktiziert. Spä- ter wurden dann sogenannte „Blutauffrischungen“ vorgenommen. Bei Mildenberger (1982) wird die weitere Geschichte dieser Population, die später auf tausend Vögel geschätzt wurde, dargestellt. Im nördlichen Kottenforst nahe Bonn z.B. setzte der Freiherr Philipp von Boeselager 1887 fünf australische Bennett-Kängurus (Macropus ruogriseus) aus. Zunächst vermehrten sie sich. Dann schwand der Bestand dahin und erlosch.

Wahrscheinlich erst mit der Veröffentlichung der umfassenden Arbeit von Bauer & Woog (2008) über „nichtheimische Vogelarten in Deutschland (Neo- zoen)“ wurde der nationalen Ornithologen-Öffentlichkeit in Deutschland bekannt, dass es in Nordrhein-Westfalen eine schon lange bestehende Population von amerikanischen Truthühnern (Meleagris gallopavo) gibt. Bis dahin nahmen offenbar nur lokale und regionale Naturbeobachter sowie Jäger von ihnen Notiz.

In der Avifauna Westfalens (Peitzmeier 1969) werden Truthühner nicht erwähnt. Mildenberger (1982) veröffentlichte Details zu den im Rheinland vorge- nommenen Aussetzungsaktionen:

Im Kreis Wesel wurden 1959/60 77 Vögel in den Gemeinden Alpen und Sonsbeck freigelassen. Sie pflanzten sich dort offenbar erfolgreich fort, so dass der Bestand sich in den Folgejahren auf 200 bis 250 Vögel erhöhte. Danach brach die kleine Population zusammen, ohne dass die Gründe hierfür heute bekannt sind.

Im Kottenforst bei Bonn und in Swisttal-Buschho- ven (Rhein-Sieg-Kreis) wurden 1958 Truthühner auf Initiative des damaligen Ministeriums für Ernäh- rung, Landwirtschaft und Forsten des Landes NRW ausgesetzt. In den Jahren danach wurden angeblich Einzelvögel bis in 25 km Entfernung beobachtet, so bei Erftstadt-Bliesheim. Niethammer (1963) schrieb: „Im Kottenforst bei Schönwaldhaus hielten sich die freigelassenen und ausgesetzten Hühner, von denen eines fünf Junge großzog. Andere, mitten im Wald ausgesetzte Vögel übersiedelten dagegen etwa 6 km bis Bad Godesberg. In Buschhoven sind sechs Truthühner am Ort der Freilassung verblie- ben. Sämtliche Truthühner werden noch gefüttert. Die Aufzucht erwies sich als einfach, sofern nicht Schwarzkopfkrankheit auftritt, die bei Truthühnern in Amerika häufig ist.“ Glutz von Blotzheim et al. (1973) fassen den Erfolg der Aussetzungen insge- samt zusammen: „Bestand hatte keines der vielen Experimente, auch wenn manche zunächst jahre- und selbst jahrzehntelang erfolgversprechend ver- liefen“. Seit 1974 wurden im Bereich des Kotten- forstes (Swisttal und Alfter) wieder verstärkt Vögel ausgesetzt; 1978 bis zu 100 Exemplare (Spittler 1981). Am 24.5.1977 konnte Erdelen östlich Swist- tal-Heimerzheim (Rhein-Sieg-Kreis) 13 gemeinsam balzende Hähne und 3 Hennen beobachten (Mil- denberger 1982). Zwischen 1977 und 1981 wurden im Kottenforst 262 Truthühner freigelassen (Eylert 2013).

In der Jagdzeit vom 16. März bis zum 30. April, also während der Balzzeit im Frühjahr, dürfen Truthähne erlegt werden. Bis Ende der 1980er Jahre wurden nach Eylert (2013) auch jedes Jahr einige Hähne geschossen. Danach kam die Jagd auf diese großen Vögel mangels Masse zum Erliegen. Seit einigen Jahren werden nun wieder regelmäßig gezüchtete Truthühner freigelassen; von 2005 bis 2010 insge- samt 162 in den Revieren des „Wildtruthuhn-He- gerings“. Unter den Revierinhabern des Hegerings, die das Truthahn-Management im Kottenforst finanzieren (z.B. das künstliche Erbrüten und Auswildern sowie Importe aus den USA und die Fütterung), wird seit 2010 jährlich ein Truthahnabschuss aus- gelost (mdl. Uwe Schölmerich, Leiter Regionalfor- stamt Eitorf).

Eylert (2013) gibt den Bestand für 2010 mit 80-100 Individuen im Frühjahr an, betont aber, es sei nur ein „vages Bild der Bestandssituation“. Das Vor- kommen im nördlichen Kottenforst ist das einzige in Deutschland verbliebene und erstreckt sich über eine Fläche von nur rund 3.000 ha. Das kleinste Vorkommen in den USA dagegen verfügt über einen Lebensraum von 65 Meilen im Durchmesser (tel. Mitt. Forst).

Die Tatsache, dass die Truthühner hier immer wie- der durch neue Aussetzungs-Aktionen vor dem Aus- sterben bewahrt werden müssen, wird von ihren der Jagd verbundenen Förderern damit begründet, dass bisher zu wenige gleichzeitig freigesetzt wurden und zudem der Bestand an Beutegreifern zu hoch gewesen sei. Es wurde deshalb die Forderung erhoben, die Anzahl der Fressfeinde ihretwegen lokal zu verringern (Fuhs mdl.). Unberücksichtigt bleibt dabei, dass ein enges deutsches Straßennetz im Gegensatz zu den großen unzerschnittenen Heimatregionen immer weiter Verkehrsopfer unter den schwerfälligen unangepassten Truthühnern fordert (Abb. 1). In Winterzeiten können die Bestände wei- tere Verluste durch weite Abflüge (Verdriften) von Vögeln erfahren. Auch Nahrungsprobleme könnten eine limitierende Rolle spielen. Die Tiere sind nach Beobachtungen von Forstleuten dauerhaft am „Fut- terhaus“ des Hegerings anzutreffen. Das Forstamt Kottenforst (heute Regional-Forstamt Eitorf) schied 2010 nach Wegfall der bis dahin laufenden Stif- tungs-Finanzierung des Projekts aus der Hege-Gemeinschaft aus.

Eigentlich könnte man denken, dass man eine nichtheimische Art, die sich offensichtlich nicht selbstständig in unserer Region halten kann, nicht künstlich erhalten muss. Die Truthühner gehören formalrechtlich jedoch zu den jagdbaren Tierarten, so dass nach dem Landesjagdgesetz NRW eine „Hegeverpflichtung“ besteht: Nach der Definition hat Hege das Ziel, einen den landschaftlichen und landeskulturellen Verhältnissen angepassten arten- reichen und gesunden Wildbestand zu erhalten und dessen Lebensgrundlagen zu pflegen und zu sichern. Dass diese Rechtslage jedoch zwingend Bestandsstützungen postuliert, sprich regelmäßige Auswilderung von in Gefangenschaft gezogenen Tieren, steht dem Natur- und Artenschutz sowie bei offensichtlich nicht überlebensfähigen Vögeln auch dem Tierschutz entgegen.

Während Aufrufe vom 4.10.2008 (NWOrni) und 24.5.2011, Fotos der Vögel aus der Population vom Kottenforst zur Verfügung zu stellen ohne Resonanz blieben, liegen mittlerweile Fotodokumentationen vor (Abb. 2).

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